Ave,

ich habe auf einen Pass ein B&B entdeckt wo es sogar Internet gibt. Dies nutze ich um ein Update zu machen. Die letzten Tage waren sehr ereignisreich und ich wurde schon dreimal von Personen eingeladen. Alles andere könnt ihr in den Berichten nachlesen. Nun geht es die nächsten Tage nochmal sehr hoch hinauf. Das Wetter soll sich halten und ich hoffe alles klappt wie ich mir das vorstelle.

LG Hike Faster

@someone: Dann heißt es halt „Fasnet“, mir ist da der Unterschied als Hamburger nicht so sehr geläufig.

31.3.2011      Passo della Scoffera – Barbagelata

Nach meinem Tag in Genua ging es heute wieder auf die Strecke. Ich nahm den ersten Bus zurück nach Scoffera und dieser erreichte sein Ziel ohne einen Unfall zu bauen. Der Tag begann mit viel Glück und meist summiert sich das Glück ja auch. Es gibt Tage an denen alles klappt und Tage die für die Katz sind. Nach den eher unglücklichen letzten Tagen im Apennin war heute ein Glückstag für mich.

Es fing auf dem Weg nach Scoffera an. Der Bus vom Hostel zum zentralen Busbahnhof braucht normalerweise 25 Minuten. Ich nahm extra einen früheren Bus underreichte diesen gerade noch als ich ankam. Ich hatte damit schon nicht mehr gerechnet und freute mich. Auf dem Weg in die Stadt stand der Bus allerdings im Stau und ich sah meinen Anschlussbus schon wegfahren. Doch aus diesmal hatte ich Glück und kam genau rechtzeitig am Busbahnhof an und da der Fahrer noch gemütlich eine rauchte startete er etwas später. Die Fahrt, die normal 25 Minuten dauert, dauerte heute 50 Minuten. Als ich dann im Bus nach Scoffera saß war ich froh und wusste ich komme gegen 9.45h dort an. Der nächste Bus wäre auch erst 2,5 Stunden später gefahren.

In Scoffera holte ich mir in dem kleinen Supermarkt noch ein paar Bananen und dann ging es vollbepackt los. Das Gewicht des Rucksackes war schon sehr viel aber ich weiß zumindest, dass ich für 6 Tage Essen dabei habe. Da ich im Apennin immer mindestens 2 Liter Wasser mit mir mittrage war das nochmal eine zusätzliche Belastung. Dies musste ich in Skandinavien nie machen, da es immer ausreichend Wasserversorgung gab.

Als Strecke wählte ich mir einen einfachen Einstieg. Es ging von Scoffera bis nach Barbagelata. Es waren 15km mit 700m im Aufstieg zu wandern. Ich hätte auch noch weiter gehen können aber ich wusste, dass ich in Barbagelata Wasser hatte und danach lange nichts mehr kommt und die Strecke sehr anspruchsvoll wird. Der Weg zog sich wieder auf einen Kamm hinauf und war leicht zu laufen. Am Monte Lavagnola trennte sich der E7 vom E1 und die letzte Kreuzung eines E-Weges auf meiner Reise liegt nun hinter mir. Kurz danach erreichte ich den Passo del Portello und eine Straße. Direkt am Pass liegt eine kleine Kapelle  die der Madonna della Neve geweiht ist. Ich freute mich auf ein paar Kilometer auf einer befestigten Straße.

Als ich nach Sella della Giassina kam und die ersten Häuser erreichte, traf ich auf ein Ehepaar. Die beiden sprachen mich an und die Frau konnte sogar etwas Englisch. Sie waren von meiner Wanderung begeistert und luden mich auf einen Kaffee ein. Dabei blieb es nicht und ich probierte das selbstgebraute Bier und den eigenen Wein. Ich wurde auch noch zum Essen eingeladen und bekam für den Weg viele Salamis mit. Eine sehr gastfreundschaftliche Begegnung und ich verbrachte gut 2 Stunden dort. Mein Rucksack war nun noch schwerer aber auf die leckeren Salamis habe ich nicht verzichten wollen. Der Rest des Weges war sehr einfach zu laufen und ich kam gegen 15h in Barbagelata an.

In diesem Bergdorf fühlte ich regelrecht wie es langsam ausstirbt. Es liegt auf knapp über 1100m Höhe und gehört zu den höchsten bewohnten Orten Liguriens. Es gibt hier knappe 25 Häuser aber ich habe nur 3 Einwohne gesehen. Die Kirche läutet noch zu jeder vollen Stunde aber verfällt langsam, wie so einige Häuer auch. Ich ging dann zum kleinen Friedhof des Ortes und wenn man sich die Gräber ansieht, sieht man wie zuletzt sehr alte Leute gestorben sind und die Abstände größer werden. Die ersten Gräber waren aus den 50er Jahren und die größte Menge lag am Ende der 70er und den Beginn der 80er Jahre. In den 90ern starben dann die sehr alten Bewohner und danach nur noch sehr wenige. Dieser Verfall der Orte, der überall im Apennin vonstatten geht war mir hier sehr bewusst.

Als Unterkunft dient mir heute ein Rifugio des CIA (des italienischen Gebirgsverein). Es ist gut ausgerüstet und ich kann in Ruhe mein Tagebuch schreiben, da es hier Strom gibt. Die Nacht kostet 10€ und es gibt hier Platz für 12 Personen. Morgen steht eine sehr anstrengende Etappe auf dem Plan. Es sind 26km mit 1400m im Aufstieg zu bewältigen. Das Wetter soll gut werden und ich hoffe es kommt auch so.

1.4.2011        Barbagelata – Passo della Forcella

Ein langer Tag lag vor mir und ich checkte noch einmal meine Ausrüstung. Am Rucksack habe ich die Schnalle des Hüftgurtes getauscht, da mir die alte immer wieder aufsprang. Nachdem das Refugio aufgeräumt war kam ich gegen 8h los. Gerade der erste Teil des heutigen Tages sollte es in sich haben und dies war auch der Fall. Es ging immer wieder kurze aber sehr steile Anstiege hinauf. Der Weg war oftmals ausgesetzt und ich war froh über das trockene Wetter. Auf dem Weg fand ich nur einen einzigen Fluss vor an dem ich meine Flaschen auffüllen konnte. Zum Glück hatte ich genug dabei.

Heute ist es mir dann doch passiert und ich habe aus eigener Dummheit den Weg verloren. Vielleicht war im Unterbewusstsein der Weg hinab einfach der schönere. Nach knapp mehr als einen Kilometer fiel mir mein Fehler auf und ich drehte um, nun wieder bergauf und das 1km der nicht hätte sein müssen. Oftmals ist es so, dass zwischen den AV-Zeichen nur weiß-rote Striche sind. Diese geben die Richtung vor und man folgt ihnen. An einer Stelle zeigte mir dieses Zeichen einen Weg an der eine Rechtskurve beschreibt. Dies tat der Weg auch und ich folgte ihm. Mir ist dabei entgangen, dass noch weiter rechts ein Weg steil hinauf führte, der bei weitem nicht so gut ausgetreten war. Im Verlauf zeigte sich auch immer wieder das weiß-rote Zeichen und ich dachte mir nichts dabei. Erst an einer Kreuzung überlegte ich genauer und bin umgekehrt. Dies war ärgerlich aber nicht zu ändern.

Dann begann der lange Anstieg zum Monte Ramaceto. Ich freute mich auf diesen Gipfel denn er bietet einen Ausblick über ein Tal welches wie ein Amphitheater geformt ist. Der Anstieg war zum Glück nicht sehr steil und schon früh sah ich die Kapelle auf dem Gipfel. In dem Moment dachte ich mir noch, wenn die Frequenz an Wasserstellen ähnlich hoch wäre wie die Frequenz der Kapellen am Wegesrand, würde es keine Probleme mit dem Wasser geben. Auf dem Gipfel gönnte ich mir eine längere Pause. Ich traf dort zwei ältere Herren mit denen ich sprach und die mir noch einen halben Liter Wasser überlassen haben. Nachdem ich den wirklich schönen Ausblick lange genossen hatte ging es weiter zum Passo della Forcella.

Ich erreichte diesen gegen 16.30h und habe mich entschlossen die Etappe hier zu beenden. Es gibt einen Unterstand und Wasser in der Nähe. Dadurch habe ich die eigentlich noch länger gedachte Etappe entschärft. Als ich gerade angekommen war kam eine Gruppe Radler den Pass hinauf gefahren. Ich hörte schon von weitem, dass sie deutsch sprachen und als ich sah wie sie ein Foto mit dem Selbstauslöser machen wollten, bot ich mich an ihnen zu helfen. Nun werde ich gleich kochen und den Abend noch ein wenig genießen.

2.4.2011        Passo della Forcella – Passo del Bocco

Ein zweigeteilter Tag liegt hinter mir. Am Morgen war es sehr kalt und ich wachte mit einen kratzen im Hals auf. Durch die Kälte angetrieben kam ich schnell los und wollte die Etappe, die ich gestern verkürzt hatte, heute aufholen. Vom Passo della Forcella ging es erst mal hinauf auf 1300m zum Passo di Lame. Im Nachhinein zeigte sich auch, dass meine Entscheidung im Tal zu bleiben gut war. Hier oben gab es zwar ein Refugio aber selbiges war natürlich noch geschlossen. Somit war ich froh im Tal geschlafen zu haben.

Nun wartete der Anstieg zum Monte Aiona auf mich. Der erste Kilometer sollte noch relativ flach auf der Passstraße verlaufen und dann hinauf gehen. Ich lief die Passstraße entlang und irgendwo muss ich den Abzweig verpasst haben. Es gab in diesem Bereich noch sehr viel Schnee und ich musste aufpassen nicht auszurutschen. Nach gestern war ich ja auf der Hut und diesmal war es gemeiner. Es gab sogar ein AV-Zeichen. Ich wunderte mich, dass es etwas verblasst war aber da es gut zu erkennen war folgte ich dem Zeichen. Mein Orientierungssinn sagte mir zwar es stimmt nicht aber ich glaubte der Markierung mehr. So schleppte ich mich durch den Schnee und fluchte ganz schön rum. Irgendwann waren die Zeichen so verblasst, dass ich mir dachte falsch zu sein. Ich war sozusagen auf der Alta Alta Via. Da die Strecke schon zu weit war um umzukehren und ich das Gefühl hatte die Richtung stimmt insofern überein, dass sich die „richtige“ Route und meine bald vereinen müssten. So kam es dann auch und ich war glücklich und sehr geschafft. Im Nachhinein schätze ich, da meine Strecke auf dem Nordhang des Monte Aiona verlief und es hier sehr lange noch Schnee gibt, die Strecke umgelegt wurde. Die alten Markierungen wurden nicht alle entfernt und ich bin ihnen gefolgt. Bestimmt haben sie die Zeichen im Bereich des neuen Weges entfernt und ich bin schlichtweg zu weit gerannt.

Als ich dann oben ankam war das alles schnell vergessen. Der Gipfel gleicht einer Mondlandschaft. Es gibt keine Bäume und überall liegen Felsen rum. Hier auf 1702m Höhe gab es trotz der exponierten Lage immer noch viele Schneefelder. Bei Temperaturen um die 20°C kann ich das nur schwer begreifen. Von diesem Punkt an verlief der Weg bis zum Passo de Bocco fast nur noch bergab. Trotz des Schnees und des Umweges war ich um kurz vor 17h dort und ziemlich glücklich. Es gibt dort ein Refugio und eine Pizzeria. Ein Mann kam mit mir ins Gespräch und als er meine Route hörte, lud er mich auf ein Stück Kuchen und eine Cola ein. Ein anderes Ehepaar hörte auch zu und lud mich danach ein bei ihnen die Nacht zu verbringen.

Antonella und Franco sind sehr nett und haben hier ein kleines Ferienhaus. Auf dem Weg dorthin hielten wir noch bei einem Schlachter und einem Supermarkt. Als ich zumindest das Brot für den Abend zahlen wollte wurde mir auch dies nicht gestattet. Ich bin doch der Gast bekam ich zu hören. Da die beiden kein englisch sprechen und ich kein italienisch wurde es ein sehr schöner Abend. Wir unterhielten uns mit Händen und Füßen und verstanden uns super. Es bedarf nicht vieler Worte für einen schönen Abend, es muss nur einfach der Wille da sein. Sie gaben mir für den nächsten Tag gleich eine halbe Salami mit. Ich war gerade froh die andere alle zu haben und schon habe ich wieder Nachschub. Bald kann ich einen Salamihandel aufmachen.

3.4.2011        Passo del Bocco – Passo della Cappalletta

Den Morgen ließen wir ruhig angehen und erst gegen 8.30h kamen Franco und Antonella hinunter. Bei den Italienern geht es alles ein wenig ruhiger zu. Frühstück ist auch eine der Mahlzeiten die Italiener eher nicht so für wichtig halten und meist nur einen Kaffee trinken. Nachdem wir wieder am Passo del Bocco angekommen waren, verabschiedeten wir uns. Ich wollte das gute Wetter nutzen und bis kurz vor dem Ende der Alta Via wandern.

Am Morgen merkte ich meinen Hals erneut und auch noch etwas Schnupfen kam hinzu. Ich kann noch nicht sagen wo die Reise mit dem Schnupfen hingeht. Vielleicht ist es auch nicht förderlich mit diesen Anzeichen eine so lange Etappe zu laufen aber ich versuche es trotzdem. Der erste Teil hielt auch den heftigsten Anstieg des Tages bereit. Es ging hinauf auf den Monte Zatta. Von oben hatte man einen schönen Ausblick auf die umliegenden Täler. Es ging wieder hinab zur Straße und ich traf auf eine Gruppe Motorradfahrer. Nach einen kurzen Plausch und der Versicherung, dass ich nicht mitgenommen werden will ging es weiter.

Der zweite Teil führte mich über 16km, mit nur wenigen Aufstiegen zum Passo di Cento Croci. Mein Hals machte sich wieder bemerkbar und ich ging schnell noch die letzten 5km, die auf einer kleinen Straße verliefen. Am Ende kam ich bei einer der vielen Passkapellen an und werde hier die Nacht verbringen. Ich musste heute knapp 1km laufen um an Trinkwasser zu kommen. Mal sehen wie sich meine Gesundheit entwickelt. Auf der Nordschleife hatte ich bis auf die Bronchitis gleich zu Beginn keinerlei Probleme, nun ist es leider öfter der Fall. Naja man muss es nehmen wie es kommt und dann darauf reagieren.

4.4.2011        Passo della Cappalletta – Bagnone

Als ich meine Augen öffnete sah ich sehr wenig, denn es war total bewölkt bzw. der Hochnebel hatte zugeschlagen. Bei diesem Wetter war ans wandern nicht zu denken. Da auch mein Hals und mein Schnupfen nicht gut waren wartete ich ab und packte mich in den Schlafsack. Der Wind pfiff extrem und ich war froh durch die kleine Kapelle geschützt zu sein.

Gegen 11h klarte es dann auf und die Sonne kam hervor. Mein Ehrgeiz war geweckt und ich machte mich auf den Weg. Lieber die Flucht nach vorne antreten und den Körper mal auspowern, vielleicht klappt das ja. Nach genau 3km bereute ich meinen Elan. Als ich mal wieder einen Nordhang entlang wanderte musste ich mit Schnee kämpfen. Ich hoffte auf Besserung nachdem ich den ersten Pass überwunden hätte. So kam es dann zum Glück auch. Ich gelang zum Passo die Due Santi und somit zum Beginn des GEA (Grand Escursione Apenninica). Diesem Weg werde ich nun knappe 400km folgen und es ist der vorletzte Weg bis zum derzeitigen Ende des E1.

Gleich zu Beginn erhielt ich aber einen Dämpfer. Ein Bergführer meinte, die Strecke bis zum Passo dei Ceretto sei noch nicht begehbar und es wäre gefährlich. Ich fand zwar den Schnee nicht schön den ich sah, aber es sah bei weitem nicht so wild aus wie Teile die ich schon hinter mir hatte. Ich wog die Vor- und Nachteile ab und entschied mich dann die Warnung ernst zu nehmen und auf der Straße zum Cerreto Pass zu laufen. Zum einen brauchte ich noch Lebensmittel und zum anderen ist die Straßenwanderung nicht so anstrengend und mein Körper kann sich etwas erholen.

Es ging fast nur runter und ich ging bis kurz nach 19.30h weiter. Ich kam noch weiter als Pontremoli und war ganz schön kaputt am Abend. Mit Glück und guten Beinen könnte ich morgen den Pass erreichen.

5.4.2011        Bagnone – Passo dei Ceretto

Ein Kraftakt war das heute. Da es mir allerdings besser ging durchaus machbar. Ich kam früh los und unterbrach meinen Weg nur sehr selten. Einmal musste ich meine Vorräte auffüllen und zwei Pausen lagen auf dem Weg. Die Straße schlängelte sich durch die Landschaft und stieg dabei immer stetig an. Ich hatte das Glück, dass ich mir eine 1:20000 Karte der Toskana geholt habe.

Die erste extra gekaufte Karte auf meiner Tour. Als ich mich gestern aber für die Straße entschied, wollte ich nicht ganz blind durch die Gegend laufen. Als ich den Pass erreichte sah ich einige Gebäude und mir leuchtete ein B&B Schild entgegen. Die Nacht mit Frühstück kostet hier 30€ und da es auch noch Internet gibt nutze ich dies. Die Wetteraussichten sehen gut aus und die nächsten Tage werde ich bis auf knapp 2000m hinauf gehen. Mit der Gesundheit geht es aufwärts und ich werde diese Nacht genießen.

Alles in allem ein langer aber unspektakulärer Tag.

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